DER
NARR
Das
Arcanum der Liebe
...Der Doktor Faust ist die
Synthese der Torheiten und Weisheiten der sechs Archetypen, von
denen wir sprachen: wie Don Quichotte strebt er nach unerhörten Heldentaten;
wie Orpheus sucht er die Rückkehr seiner Geliebten aus der Finsternis des Todes
und der vergangenen Jahrhunderte, sucht er Helena von Troja, die er trotz der
Jahrhunderte und trotz der Todesschwelle, die ihn von ihr trennen,
leidenschaftlich liebt; wie Don Juan "sieht er Helenen in jedem Weibe"
und sucht er das "Ewig‑Weibliche" in und durch besondere
Liebschaften; wie Ahasverus lässt er sich verjüngen durch dunkle Magie, um
ein anderes Leben und eine neue irdische Biographie ohne Unterbrechung durch den
Tod zu beginnen, d.h. eine neue Verkörperung ohne vorhergehende Entkörperung;
wie Till Eulenspiegel hat er sich von jeder religiösen, wissenschaftlichen und
politischen Autorität losgesagt, und in Gesellschaft von Mephistopheles
verspottet er die moralischen und sonstigen Fesseln, die die Freiheit zu wagen
und zu wollen binden; und wie Hamlet hat er die Prüfung des großen
existentiellen Zweifels von Sein oder Nichtsein in Gestalt der Frage: Leben oder
nicht leben" zu bestehen.
Außer allem, was er mit diesen sechs Archetypen gemeinsam hat, vertritt Faust
wenigstens wie Goethe ihn gestaltet hat noch einen Archetypus, einen
ewigen Archetypus: den des Versuchten und Geprüften, wie wir ihn in der Bibel
finden den ewigen Hiob.
Faust ist der Hiob im
Zeitalter des Humanismus, d. h. in der Morgenröte der modernen Zeit. Ebenso wie
der biblische Hiob ist er der Einsatz einer Wette, die von Mephistopheles Gott
vorgeschlagen und von Gott angenommen wurde. Doch die Prüfung und Versuchung
von Faust unterscheidet sich von der des biblischen Hiob dadurch, dass sie sich
nicht auf Missgeschick und Unglück bezieht, sondern auf Erfolg und Gelingen.
Mephistopheles hatte die von oben bewilligte Vollmacht, alle Wünsche von Faust
zu befriedigen. Die Prüfung, um die es sich dabei handelte, lief auf die Frage
hinaus, ob die Welt des Bedingten und des Vorübergehenden jemals den Faust
‑ den aus dem Mittelalter hervorgegangenen modernen Menschen werde
befriedigen können; ob alle Genüsse auf Erden, im Kleinen wie im Großen, das
Streben des Menschen nach dem Absoluten und Ewigen werden einschläfern können,
indem sie ihn ganz befriedigen und glücklich machen. Hiob hat gezeigt, dass
alles Leid, das die Welt dem Menschen zufügen kann, es nicht vermag, die
menschliche Seele von Gott loszureißen; Faust hat gezeigt, dass die Freude, die
die Welt bieten.
kann, es ebenso wenig vermag.
Oswald Spengler, der
Verfasser von "Der Untergang des Abendlandes", nennt den modernen
Menschen den "faustischen" Menschen und er hat recht, ihn so zu
nennen. Denn Faust ist tatsächlich der dominierende Archetypus der Epoche nach
dem Mittelalter, die gekennzeichnet ist durch das enorme Anwachsen der Macht der
Menschheit über die Natur und die Möglichkeit, ihre Wünsche zu befriedigen
einschließlich der Wünsche der kühnsten Magier der Vergangenheit, wie das
Fliegen durch die Luft, das Sehen und Hören auf große Entfernungen, das Fahren
im Wagen ohne Pferde, das Hervorrufen lebendiger Bilder und Töne von
vergangenen oder weitentfernten Geschehnissen usw. Es ist ganz, als hätte der Fürst
dieser Welt die Vollmacht erhalten, alle Wünsche der gegenwärtigen Menschheit
einen nach dem anderen zu befriedigen, um einen Beweis zu erbringen: um, was ihn
selbst betrifft, zu beweisen, dass Macht und Genuss der Welt hier unten, dass also das Relative und Vergängliche den Menschen das Absolute und Ewige,
dass sie ihn Gott vergessen lassen können; oder, was Gott betrifft, um den
Hierarchien des Bösen zu beweisen, dass der Mensch von einem anderen Format ist
als dem des Relativen und Vergänglichen und dass Macht und Genuss hier unten,
wie viel er auch davon haben mag, ihn niemals befriedigen könnten. Die Prüfung
unseres Zeitalters ist die des Faust. Es ist die Prüfung der befriedigten Wünsche.
Der
Anonymus d’outre-Tombe, Die Großen ARCANA des Tarot, Meditationen, Einundzwanzigster
Brief
(644 – 684)
„Es
gibt drei Mächte, es sind die einzigen drei Mächte auf Erden,
die das Gewissen
dieser kraftlosen Empörer
zu ihrem Glück auf ewig besiegen und bannen können,
— das sind:
das Wunder,
das Geheimnis und
die Autorität.“
Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Der Großinquisitor